Auf der Suche
- Jennifer Willert
- 7. Feb.
- 3 Min. Lesezeit

Liebe Leserin, lieber Leser
Kurze Anmerkung davor:
Aus Datenschutzgründen und Privatsphäre sind alle, von mir verwendeten Namen frei erfunden.
Linda, die Powerfrau... Steffen, der Aquaman, Michelle, unsere Yoga Frau... Karl, unser Sonnenschein... Renate, die mit dem Hüftschwung... Viola, die Wasserratte...
lese ich mit zusammengekniffenen Augen auf der Fensterscheibe in einem unserer Sporträume. Irgendjemand hat dort mit einem weißen Stift alle aus unserem Team namentlich genannt und mit einem individuellen, kurzen Text versehen. Alle, nur meinen Namen kann ich nirgends entdecken.
„Ist ja klar!“, denke ich so bei mir.
Ich bin erst wenige Wochen in der Klinik und mich kennt hier noch niemand so richtig.
Gedankenverloren beende ich meinen Sport-Kurs.
Später auf dem Nachhauseweg lässt mich das Thema aber irgendwie nicht mehr richtig los und bringt mich zu dem Gedanken:
„Was könnte denn auf der Fensterscheibe über mich stehen?
Jenni die Neue? Jenni die....“
Als ich abends auf der Couch sitze denke ich immer noch darüber nach, aber mir will irgendwie nicht wirklich etwas dazu einfallen. Schlagartig wird mir bewusst, dass ich in den letzten Jahren viele Rollen in meinem Leben bedient habe. Ich war und bin MUTTER. Darüber bin ich sehr glücklich, denn meine Tochter ist ein ganz großartiger Mensch, den ich über alles liebe. Ein Geschenk des Himmels! Trotzdem braucht sie mich nicht mehr in dem Ausmaß, wie das früher der Fall war. Ich war mal eine HundeMAMA... aber leider mussten wir Lotte letztes Jahr von ihrer schweren Krankheit erlösen. Ich war sehr lange eine SELBSTSTÄNDIGE, aber seit diesem Jahr bin ich wieder ins Angestellten-Verhältnis gewechselt, worüber ich sehr glücklich bin. Durch meinen Umzug musste ich einige Menschen aus meinem Leben verabschieden und plötzlich wird mir in aller Deutlichkeit bewusst: „Momentan bin ich hier alleine mit mir!“
Ich sitze also auf meiner Couch, habe mittlerweile eine Kerze angezündet, halte eine Tasse Tee in meinen Händen und frage mich: „Wer ist man eigentlich, wenn alle Rollen, die man so in seinem Leben innehat, wegfallen würden? Was bleibt dann noch übrig?“
Diese Frage begleitet mich die nächsten Tage, bis ich feststellen muss, dass ich es gerade nicht weiß. Ich weiß nicht so genau, WER ICH BIN.
Das macht mir für einen Moment Angst bis mir bewusst wird, dass diese Tatsache nicht die schlechteste Ausgangssituation ist. Vielleicht ist es auch einfach schön nicht genau zu wissen, wer man ist!? Und plötzlich fühle ich mich frei...
„Ich kann alles sein!“, jubelt da mein Verstand.
Okay, vielleicht nicht ALLES! Ich will keine Couch-Potato, keine ChaotIN, kein kleinkarierter Spießer, kein verantwortungsloser Spinner, keine unselbstständige Person, kein Nörgler, keine Spaßbremse, keine SelbstmörderIN, keine wahnsinnige MassenmörderIN oder keine glitzerbesetzte, rosa TüllrockträgerIN sein. Aber ich könnte... wenn ich wollte.. vielleicht ab und zu.. außer natürlich der Selbst- und Massenmörder... also keine Angst! :)
Ich nehme mir ein weißes Blatt Papier und lege es auf meinen Esstisch. Sollte ich in den nächsten Tagen, Wochen oder Monaten eine Idee haben WER ICH BIN, dann werde ich diesen Gedanken aufschreiben. In den nächsten Tagen bleibt mein Blatt allerdings leer. Ich bin, wie ein weißes Blatt Papier und mir wird plötzlich bewusst, dass das absolut in Ordnung ist. Ich habe schließlich mein restliches Leben Zeit diese leere Seite zu füllen...
Liebe Leserin ,lieber Leser
Mann (Frau) muss ja nicht gleich alles hinwerfen und auf eine einsame Insel ziehen, um herauszufinden WER MAN IST, manchmal reicht es vielleicht schon aus ein bisschen den Pfad der Gewohnheit zu verlassen, innezuhalten und sich zu fragen:
„Wie geht es MIR eigentlich gerade? Nach was würde MIR jetzt der Sinn stehen, was würde MICH in diesem Moment glücklich machen?“ und vielleicht kommt dann aus den Tiefen unserer Seelen ein kleiner Impuls, der uns berührt und verändert, der uns ein kleines bisschen mehr zu uns SELBST führt.
Aber ganz egal, was da noch kommt, was wir noch entdecken werden, eines ist sicher...
ES BLEIBT SPANNEND!
Heute bei meinem Kurs Bauch-Beine-Po fällt mein Blick wieder auf die Fensterscheibe und vor lauter Freude macht mein HERZ einen Hüpfer.
Dort steht in weißer Schrift geschrieben: „NICHT VERZAGEN, JENNI FRAGEN!“ und wenig später lese ich auf meinem Fach, „JENNI, DAS PHYSIO-ORAKEL“ und ich muss grinsen.
Keine Ahnung wie das gemeint ist, aber es klingt irgendwie ALT und WEISE!



Kommentare