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  • Von Geistern der Vergangenheit und neuen Begegnungen

    Das große Feuer ist schon von weiter Ferne gut zu sehen und gelb-orangene Flammen lodern hoch in den dunklen Nachthimmel hinauf. Kein Wunder, denn der im Vorfeld errichtete Scheiterhaufen ist mehrere Meter hoch. Als ich mich dem Feuer nähere, kann ich die immense Hitze spüren, die mir schon aus einiger Entfernung entgegenschlägt. Beeindruckt bleibe ich eine Weile stehen und schaue in die Flammen. Ein offenes Feuer besitzt fast schon eine magische Wirkung, wie ich finde. Am Abend in schöner Runde am Lagerfeuer sitzen, etwas trinken, gute Gespräche führen und dazwischen, versunken in die eigenen Gedanken, ins Feuer schauen hat seinen ganz eigenen Reiz. An diesem Abend verhält es sich ein klein wenig anders. Ich bin alleine zum großen Feuer nach Süddorf gekommen und kenne hier niemanden. Das Biikebrennen ist ein uralter, tief verwurzelter Brauch in Nordfriesland, der jedes Jahr am 21. Februar gefeiert wird und die Wintergeister vertreiben soll. Ich hole mir erst einmal am Stand der Feuerwehr einen Glühwein. „Gib dem Mädel ein bisschen mehr RUM in den Glühwein!“, ruft die Frau ihrem Kollegen zu, nachdem ich ein großzügiges Trinkgeld gegeben habe. Das Endresultat ist ein Pappbecher voll Rum mit einem Schuss Glühwein. Den dicken Kopf am nächsten Tag gibt es gratis dazu. Mutig stelle ich mich zwischen die, mir völlig fremden Menschen und schaue ins Feuer. Da fällt mir eine Textstelle aus meinem Buch ein, welches ich zurzeit lese: „Du brauchst nicht immer einen Plan, sondern nur Vertrauen. Folge deinen Ideen, deinen Impulsen und deinen Wünschen... Mut entsteht beim Gehen!" In dem Buch geht es um „Overthinking“ und wie man fälschlicherweise annimmt, dass uns dieser, IMMER FORTWÄHREND PLAPPERNDE Verstand Sicherheit gibt bzw. wir glauben dadurch alles unter Kontrolle zu haben. Aber in Wirklichkeit hindert er uns ganz oft daran wirklich zu leben! Wir zögern tage-, wochen-, monatelang oder ein ganzes Leben aus Angst die Kontrolle zu verlieren und verpassen die vielen wunderbaren Augenblicke, die das Leben für uns bereit hält. Stimmen und Lachen dringen an mein Ohr und reißen mich aus meinen Gedanken. Ich schnappe einige Wörter einer Unterhaltung auf und muss lachen: „Genau mein Humor!“, denke ich und nippe an meinem Rum-Glühwein-Mix. In diesem Moment schaut ein Mann aus der Gruppe zu mir rüber und unsere Blicke treffen sich. Verlegen schaue ich zu Boden. „Nicht das er noch denkt... ich hätte gelauscht!“, schießt es mir durch den Kopf. Keine Ahnung, wie es dazu kommt, aber 5 Minuten später stoße ich mit drei Männern und einer Frau mit meinem Pappbecher und deren Flensburger Bier an. Wir kommen ins Gespräch und ich erfahre, dass Christoph, ein sehr großer Mann mit wildem Bart und langen Haaren, Zahnarzt ist. Er hat eine eigene Praxis in der Nähe von Flensburg. Seine Frau Cornelia ist Erzieherin und Michael verdient sein Geld als Ingenieur für Umwelttechnik während Martin schon Rentner ist. Er ist Inhaber eines Bildhauer-Ateliers und arbeitet mit den verschiedensten Materialien. Alle verbindet sowohl Nachbarschaft in einem kleinen Ort Nähe Flensburg, wie auch eine jahrelange Freundschaft miteinander. Zur späteren Stunde wechseln wir vom Biikefeuer zu Cornelias Elternhaus, welches sich nicht weit entfernt befindet. Christoph erklärt mir, dass er, ganz ähnlich wie bei Harry Potter, ein Halbblut ist und sowohl GERMANISCHE wie auch PERUANISCHE Wurzeln hat. Mich erinnert er eher an Hagrid, den gutmütigen Wildhüter, aber das behalte ich lieber für mich. Daraufhin erzähle ich, dass auch ich nur 51,5% Germanin bin. Ein kürzlich gemachter DNA-Test bestätigte, dass in meinen Adern ebenfalls französisches, norditalienisches, englisches und dänisches Blut fließt. Vielleicht wäre so ein DNA-Test für den ein oder anderen fremdenfeindlichen Rassisten eine heilsame Maßnahme. Martin und ich tauschen uns über kreative Projekte aus und stellen fest, dass es einige Gemeinsamkeiten zwischen der Bildhauerei und dem Schreiben gibt. Im Vorfeld gut durchdachte Projekte, egal ob schriftlicher oder dreidimensionaler Natur, entwickeln im späteren Verlauf eine Art wundersames Eigenleben. Kreativität ist lebendig und folgt einem eigenen Rhythmus, auf den der Verstand keinen Zugriff hat. Er zeigt mir Bilder von seiner Arbeit und ich stelle fest, dass es sich bei vielen der kunsthandwerklichen Arbeiten um leicht bekleidete Frauenskulpturen handelt. Das läge daran, dass sich in den Räumen seines Ateliers früher ein "Freudenhaus" befunden habe, erklärt er mir mit einem Augenzwinkern. "Wahrscheinlich haftet den Zimmern immer noch der unkeusche Geist liederlicher Verruchtheit an!", denke ich so bei mir. "Da bleibt einem echten Künstler gar nichts anderes übrig, als diese Energie in Kunst zu verwandeln!" Ich erkläre Michael, dem Ingenieur, der sich selbst als schmutzigen GRÜNEN-Wähler bezeichnet, dass es für mich keinen Sinn macht zu viel über unsere WeltPolitik zu sprechen. Das frustriert mich, weil ich keinen Einfluss darauf habe. Vielmehr versuche ich in meinem Umfeld, innerhalb meiner Familie, meinen Arbeitskollegen, Freunden und bei meinen Patienten etwas zu verändern. Dort kann ich etwas bewegen, eine Veränderung herbeiführen und fühle mich nicht so hilflos. Cornelia pflichtet mir bei. Der Stammtisch und das ewige Diskutieren und Schimpfen über Politik sei sowieso sinnlos und so ein Männerding, meint sie. Frauen haben da eine ganz andere Art und Vorgehensweise sind reflektierter, emotionaler und empathischer, stellt sie abschließend fest und wir lächeln uns verschwörerisch über den Tisch hinweg an. Diese Aussage lässt die Männer nicht kalt und es entfacht eine Diskussion über Unterschiede zwischen männlicher und weiblicher Energie. Christoph behauptet kurzum, dass er als peruanischer Macho keine weibliche Energie und schon gar keine Empathie in sich trägt. Was ihm aber so niemand in der Runde wirklich abnimmt. Darüber sind sich dann alle wieder einig. Michael und ich sind uns einig, dass ein starker Mann auch ohne Schwierigkeiten ein paar weibliche Eigenschaften ausleben kann, ohne Gefahr zu laufen als Weichei zu gelten. Es wird ein langer, lustiger und auf merkwürdige Art, vertrauter Abend miteinander. Beim Abschied tauschen wir Telefonnummern aus und Michael begleitet mich, ganz Gentleman, noch nach Hause. Ich habe heute unter anderem einen neuen Zahnarzt gefunden. Und da ich jetzt nicht einfach für ein Zahnarzt-Termin nach Flensburg fahren kann, bin ich gleich von allen Vieren für ein ganzes Wochenende eingeladen. Ich hätte nie gedacht, dass ich mich mal auf einen Zahnarzt-Termin freuen würde. Als ich später total müde, nicht mehr ganz nüchtern aber überglücklich auf mein Kissen sinke wird mir bewusst, dass ich heute alles richtig gemacht habe. Ich bin einfach losgelaufen, ohne Plan und ohne zu wissen was kommt. Ich hatte ein bisschen Angst aber ich habe es trotzdem gemacht. Ich habe JA zum Leben gesagt und die Antwort war eine wunderbare Begegnung mit vier ganz besonderen Menschen...

  • Ihr Kinderlein kommet...

    Der Lärmpegel erinnert an das geschäftige Treiben eines übervollen Etagenbahnhofs in einer Großstadt, mittags um 12 Uhr und am liebsten würde ich mir die Ohren zuhalten, aber das wäre sehr unprofessionell. Mein Blick fällt auf die Uhr an der Wand, es sind gerade mal 5 Minuten vergangen und ich befinde mich schon jetzt gefühlt, im Vorzimmer zur Hölle. Abwechselnd schreie und betätige ich die Handpfeife, aber ohne Erfolg. Genauso gut hätte ich den Raum verlassen können, dass wäre wahrscheinlich auch niemanden aufgefallen. Liebe Leserin, lieber Leser Ich befinde mich heute in der kleinen Turnhalle der Klinik. Mit mir vor Ort, die geballte Ladung an Energie von zwanzig, teils ADHS-geplagter, frustrierter und voll pubertierender Jugendlicher und das wiederum kann man nicht nur sehen, bzw. hören. Ein penetranter Schweißgeruch schlägt mir entgegen... ausgelöst durch die Anstrengung der, unter meiner Obhut stehenden, Heranwachsenden, die versuchen ein Spiel zu spielen, welches ich vorher versucht habe zu erklären, dass aber anscheinend NIEMAND so richtig verstanden hat. Über das WARUM kann ich nur Mutmaßungen anstellen. Vielleicht liegt es an dem unerträglichen Lärmpegel, diesem tosenden Sturm und der Tatsache, dass die Komplimente von meinen Patienten, ich hätte eine sanfte beruhigende Stimme, mich in dieser Kombination nicht wirklich weiterbringen. Und ich gebe es nur ungern zu... … aber in diesem Moment wünsche ich mir ein Mann zu sein... 2 Meter groß, mit breiten Schultern und einem Bass in der Stimme, der die Wände der Turnhalle zum erzittern bringt. Dann würde vielleicht meine Anwesenheit zur Kenntnis genommen werden! Aber momentan gleicht meine Bedeutsamkeit hier der, eines in China umgefallenen Reissackes. „Verflixt nochmal!“, denke ich verzweifelt. „Das muss doch irgendwie in den Griff zu bekommen sein! Schließlich kann ich auf 17 Jahre Mutterglück zurückblicken!“ „Ja, das mag sein!“, sagt da eine leise Stimme in mir, allerdings kann ich mich nicht daran erinnern, dass mich meine Tochter jemals so an den Rand der Verzweiflung gebracht hat. Ein weiterer Blick auf die Uhr verrät mir, dass gerade mal 2 weitere Minuten vergangen sind. Die Bewegungstherapie für Therapiekinder dauert 45 Minuten, abzüglich der 7 Minuten bleiben noch 38 Minuten übrig. Im Rechnen war ich schon immer gut, um hier auch mal eine meiner Stärken hervorzuheben. 38 Minuten im Überlebensmodus... erste Fluchtgedanken schieben sich in mein Bewusstsein. Mittlerweile hat sich mein, im Vorfeld gut geplantes Spiel in Wohlgefallen aufgelöst und die Kinder haben sich anderen, für sie interessanteren Aktivitäten zugewandt. Mein Blick streift panisch durch den Raum. Überall Kinder und Jugendliche außer Rand und Band... sie klettern auf die, an der Wand stehenden Weichbodenmatten, sitzen auf den Fensterbänken, baumeln von der Sprossenwand herab und turnen auf den Pezzibällen herum. Bevor ich irgendwie reagieren kann, trifft mich ein Ball eher unsanft an meiner Schulter und ich schaue erschrocken auf. „Jetzt reicht's!“, denke ich und betätige die Handpfeife, die allerdings nur ein klägliches Quietschen von sich gibt. Und dann erinnere ich mich an meine eigene Kindheit, an die Schulzeit und ein Spiel welches wir im Sportunterricht gespielt haben. „Das ist es!“ Ich richte mich mit aller mir noch verbleibenden Würde auf und betätige in wilder Entschlossenheit die Handpfeife, ein durchdringendes und schrilles Pfeifen durchfährt die kleine Turnhalle, wie ein greller Blitz und es wird schlagartig still. 20 Augenpaare schauen mich an und ich bin überwältigt von so viel Aufmerksamkeit. „Völkerball!“, bringe ich etwas atemlos über meine Lippen und einstimmiges Jubelgeschrei hallt mir entgegen. In Windeseile sind die Vorbereitungen abgeschlossen und zwei Mannschaften gewählt. Die restliche Zeit kann ich erleben, wie sich ein chaotischer Haufen in eine halbwegs strukturierte Gruppe verwandelt hat und ich kann es kaum glauben. Die Spielregel brauche ich nicht erklären, denn die ist längst jedem bekannt. ICH ATME AUF!!! Das ich dabei auch weiterhin überhaupt nicht gebraucht werde, ist mir in diesem Augenblick herzlich egal. Nach dem Kurs spricht mich eine Arbeitskollegin auf dem Gang an: „Und? Wie ist es gelaufen?“ „NUN JA... BEWEGT haben sie sich!“, antworte ich ihr mit einem schiefen Grinsen.

  • Auf der Suche

    Liebe Leserin, lieber Leser Kurze Anmerkung davor: Aus Datenschutzgründen und Privatsphäre sind alle, von mir verwendeten Namen frei erfunden. Linda, die Powerfrau... Steffen, der Aquaman, Michelle, unsere Yoga Frau... Karl, unser Sonnenschein... Renate, die mit dem Hüftschwung... Viola, die Wasserratte... lese ich mit zusammengekniffenen Augen auf der Fensterscheibe in einem unserer Sporträume. Irgendjemand hat dort mit einem weißen Stift alle aus unserem Team namentlich genannt und mit einem individuellen, kurzen Text versehen. Alle, nur meinen Namen kann ich nirgends entdecken. „Ist ja klar!“, denke ich so bei mir. Ich bin erst wenige Wochen in der Klinik und mich kennt hier noch niemand so richtig. Gedankenverloren beende ich meinen Sport-Kurs. Später auf dem Nachhauseweg lässt mich das Thema aber irgendwie nicht mehr richtig los und bringt mich zu dem Gedanken: „Was könnte denn auf der Fensterscheibe über mich stehen? Jenni die Neue? Jenni die....“ Als ich abends auf der Couch sitze denke ich immer noch darüber nach, aber mir will irgendwie nicht wirklich etwas dazu einfallen. Schlagartig wird mir bewusst, dass ich in den letzten Jahren viele Rollen in meinem Leben bedient habe. Ich war und bin MUTTER. Darüber bin ich sehr glücklich, denn meine Tochter ist ein ganz großartiger Mensch, den ich über alles liebe. Ein Geschenk des Himmels! Trotzdem braucht sie mich nicht mehr in dem Ausmaß, wie das früher der Fall war. Ich war mal eine HundeMAMA... aber leider mussten wir Lotte letztes Jahr von ihrer schweren Krankheit erlösen. Ich war sehr lange eine SELBSTSTÄNDIGE, aber seit diesem Jahr bin ich wieder ins Angestellten-Verhältnis gewechselt, worüber ich sehr glücklich bin. Durch meinen Umzug musste ich einige Menschen aus meinem Leben verabschieden und plötzlich wird mir in aller Deutlichkeit bewusst: „Momentan bin ich hier alleine mit mir!“ Ich sitze also auf meiner Couch, habe mittlerweile eine Kerze angezündet, halte eine Tasse Tee in meinen Händen und frage mich: „Wer ist man eigentlich, wenn alle Rollen, die man so in seinem Leben innehat, wegfallen würden? Was bleibt dann noch übrig?“ Diese Frage begleitet mich die nächsten Tage, bis ich feststellen muss, dass ich es gerade nicht weiß. Ich weiß nicht so genau, WER ICH BIN. Das macht mir für einen Moment Angst bis mir bewusst wird, dass diese Tatsache nicht die schlechteste Ausgangssituation ist. Vielleicht ist es auch einfach schön nicht genau zu wissen, wer man ist!? Und plötzlich fühle ich mich frei... „Ich kann alles sein!“, jubelt da mein Verstand. Okay, vielleicht nicht ALLES! Ich will keine Couch-Potato, keine ChaotIN, kein kleinkarierter Spießer, kein verantwortungsloser Spinner, keine unselbstständige Person, kein Nörgler, keine Spaßbremse, keine SelbstmörderIN, keine wahnsinnige MassenmörderIN oder keine glitzerbesetzte, rosa TüllrockträgerIN sein. Aber ich könnte... wenn ich wollte.. vielleicht ab und zu.. außer natürlich der Selbst- und Massenmörder... also keine Angst! :) Ich nehme mir ein weißes Blatt Papier und lege es auf meinen Esstisch. Sollte ich in den nächsten Tagen, Wochen oder Monaten eine Idee haben WER ICH BIN, dann werde ich diesen Gedanken aufschreiben. In den nächsten Tagen bleibt mein Blatt allerdings leer. Ich bin, wie ein weißes Blatt Papier und mir wird plötzlich bewusst, dass das absolut in Ordnung ist. Ich habe schließlich mein restliches Leben Zeit diese leere Seite zu füllen... Liebe Leserin ,lieber Leser Mann (Frau) muss ja nicht gleich alles hinwerfen und auf eine einsame Insel ziehen, um herauszufinden WER MAN IST, manchmal reicht es vielleicht schon aus ein bisschen den Pfad der Gewohnheit zu verlassen, innezuhalten und sich zu fragen: „Wie geht es MIR eigentlich gerade? Nach was würde MIR jetzt der Sinn stehen, was würde MICH in diesem Moment glücklich machen?“ und vielleicht kommt dann aus den Tiefen unserer Seelen ein kleiner Impuls, der uns berührt und verändert, der uns ein kleines bisschen mehr zu uns SELBST führt. Aber ganz egal, was da noch kommt, was wir noch entdecken werden, eines ist sicher... ES BLEIBT SPANNEND! Heute bei meinem Kurs Bauch-Beine-Po fällt mein Blick wieder auf die Fensterscheibe und vor lauter Freude macht mein HERZ einen Hüpfer. Dort steht in weißer Schrift geschrieben: „NICHT VERZAGEN, JENNI FRAGEN!“ und wenig später lese ich auf meinem Fach, „JENNI, DAS PHYSIO-ORAKEL“ und ich muss grinsen. Keine Ahnung wie das gemeint ist, aber es klingt irgendwie ALT und WEISE!

  • Tiefgefroren

    Liebe Leserin, lieber Leser Mittlerweile bin ich gut und wohlbehalten auf meiner kleinen Insel angekommen und wollte heute meinen Blog mit einer wahrlich frostigen Geschichte wieder auftauen... Zu meinen zahlreichen Aufgaben in der Kur-Klinik gehört das Wassertreten, in guter und bewährter Weise nach Sebastian Kneipp. Was in den Sommer Monaten bestimmt eine erfrischende Angelegenheit ist, gestaltet sich in den Wintermonaten dann doch etwas schwieriger. Zumindest so mein Eindruck, den ich hier gerne mit Euch teilen möchte. Vielleicht ist es aber auch der verzweifelte Versuch meine sehr eindrucksvollen und tiefgehenden Erfahrungen des vergangenen Freitags in einer Art Schreib-Therapie mit Euch gemeinsam aufzuarbeiten. Kurz um... ich habe Redebedarf! Alles fing so an... Mit großem Interesse nahm ich schon am Donnerstag in meinem Arbeitsplan zur Kenntnis, dass ich am folgenden Tag um 10 Uhr mit 25 Teilnehmern zum Wassertreten eingeteilt war. Nach einem hastigen Blick aus dem Fenster und der Wettervorhersage für den morgigen Tag, sah ich dem Ereignis eher mit gemischten Gefühlen entgegen. Vielleicht sollte ich an dieser Stelle noch einmal erwähnen, dass wir zurzeit auf der Insel ungewöhnlich viel Schnee liegen haben. Auch möchte ich es nicht versäumen auf meine durchaus ausgeprägte Kälteempfindlichkeit hinzuweisen. Ich gehöre zu den Menschen, die bis spät in den Monat Mai noch mit Wärmflasche und Wollsocken zu Bett gehen. Gefühlt ist es mir nämlich die Hälfte des Jahres zu kalt. Trotzdem entschloss ich mich dem morgigen Tag mit stoischer Gelassenheit entgegenzusehen und bereitete mich sehr ordentlich auf das anstehende Ereignis vor. Als ich abends zuvor zu Bett ging, wusste ich immerhin schon einmal theoretisch wie es funktionierte, hatte die Wirkungsweise und die Kontraindikationen des Wassertretens auswendig gelernt und fühlte mich relativ gewappnet für den nächsten Tag. Schon beim Aufstehen stellte ich fest, dass es leicht schneite. Als ich das Haus verließ wehte mir ein eisiger Ostwind ins Gesicht und ich zog die Kapuze meiner Jacke hastig tiefer in die Stirn. Im Auto angekommen zeigte die Temperaturanzeige -2 Grad an und ich zog automatisch die Schultern etwas weiter zu den Ohren. Noch tröstete ich mich mit dem Gedanken, dass sich die Temperaturen sicherlich bis 10 Uhr auf wundersame Weise deutlich in den + Bereich bewegen würden und startete meinen Arbeitstag gutgelaunt mit einem Sportkurs. Allerdings klagte ich ab halbzehn dem ein oder anderen Kollegen mein bevorstehendes Leid. Mitleidige Blicke und halbherzige Motivations-Wünsche waren die Antwort. Spätestens jetzt hatte ich den Eindruck gewonnen, dass sich auch bei den Anderen die Begeisterung des Wassertretens bei Minusgraden in Grenzen hielt. Mit klopfendem Herzen ergab ich mich kurz vor 10 in mein Schicksal und holte meine Gruppe im Eingangsbereich ab. Der kurze Check der Namensliste ergab: Alle sind anwesend! Zu diesem Zeitpunkt versuchte ich die Tatsache, dass ich gleich bis zu den Knien in 1 Grad kaltem Wasser stehen würde, noch mutig wegzulächeln. Mit kompetent wirkender Zuversicht schritt ich mutig voran und versuchte selbst bei dem eisigen Wind, der mir die Schneeflocken in das Gesicht wehte, noch eine gewisse Freude auf das Bevorstehende zu vermitteln. Aber schon als wir über den Strand marschierten, gefror mir mein Lächeln im Gesicht... und das meine ich auch GANZ WÖRTLICH. An der Wasserkante angekommen und nach einer ordentlichen Einführung zogen alle ihre Schuhe und Strümpfe aus und befreiten ihre Beine von störendem Stoff. Alles in mir schrie „NEIN... ICH WILL DAS NICHT!“, aber es half nichts. Ein Blick in die Gesichter der anderen verriet mir eine ganz ähnliche Gefühlslage. Die Männer versuchten noch mit ein paar COOLEN Sprüchen über das bevorstehende Desaster hinwegzutäuschen, aber auch diese Stimmen verstummten ganz schnell bei dem ersten Kontakt mit dem kalten Wasser. Geplant war ein Gang, der zwischen 15 Sekunden bis zu einer Minute dauern sollte. Es dauerte genau 5 Sekunden bis ich das Gefühl hatte, dass sich meine Füße von mir verabschiedeten. Schmerzen des Todes überrollten meine Beine, zogen entlang meiner Waden und bohrten sich mit eisigem Kälte-Griff in meine Knie. Mir versagte die Stimme und ich wusste in diesem Augenblick, mit glasklarer Gewissheit: "Wenn ich jetzt nicht sofort aus den eisigen Fängen der Nordsee entkomme, sind meine Füße Geschichte!" Die Frage, die sich mir stellte war: "Schafft ich es überhaupt noch bis zum rettenden Strand?" Denn ich hatte, außer den quälenden Schmerzen keinen weiteren Anhaltspunkt mehr, welcher mir bestätigte, dass sich am Ende meiner Beine überhaupt noch Füße befanden. Ich muss zu meiner Schande gestehen, dass mir in diesem Moment alles egal war. Ich blendete mein komplettes Umfeld aus. Es gab nur noch mich und den Schmerz. Zu keinem klaren Gedanken mehr fähig, zwang ich mich umzukehren und erreichte mit letzter Kraft den Sandstrand, auf dem ich mich, wie ein Häufchen Elend auf den Boden fallen ließ. Bei der krebsroten Farbe, die meine Füße angenommen hatten, wurde es mir Angst und Bange. Verzweifelt mühte ich mich mit meinen Socken ab, aber ich brauchte fast fünf Minuten bis ich diese über meine gefühllosen Füße, die sich zwischenzeitlich wie zwei schlaffe leblose Fremdkörper anfühlten, übergezogen hatte. Erst dann war ich fähig ein Blick auf die restliche Gruppe zu werfen, denen es allen nicht wirklich besser ergangen war. Den Versuch meine Schuhe wieder anzuziehen gab ich ganz schnell auf, denn mittlerweile versagten mir wegen der Kälte auch meine Finger ihren Dienst und ich konnte meine Schnürsenkel nicht entknoten. Zitternd und frierend, ich hatte die Schuhe fest an meine Brust gedrückt, machten wir uns auf den Rückweg zur Klinik. „Das ist ja nicht so ganz mein Ding!“, sagte eine Patientin neben mir. „Meins auch nicht!“, entgegnete ich ihr knapp und wir mussten beide lachen. Ich weiß... das war keine Glanzleistung von mir und Sebastian Kneipp hätte sich, angesichts dieser katastrophalen Einführung im Grabe umgedreht... und JA vielleicht bin ich auch einfach für derartige Winter-Angebote körperlich und seelisch nicht gemacht. Herzliche Grüße aus dem hohen Norden... 🤗

  • Die Schattenwandlerin

    Eine Kurzgeschichte in mehreren Teilen von Jennifer Willert Letzter Teil Hin- und hergerissen zwischen dem Gefühl endlich loslassen zu können und so dem Schmerz für immer zu entkommen und der zärtlichen Berührung an meinem Arm, lag ich ganz still auf dem Höhlenboden. Das helle Licht erwärmte meinen Körper und spendete meinem geschundenen Herz endlich Frieden. In einem gleichmäßigen Takt schlug es in meinem Brustkorb und ich spürte wie ich mich langsam beruhigte. Plötzlich hatte ich das Gefühl einige Zentimeter über dem steinernen Boden zu schweben. Alles fühlte sich leicht an. Wieder hörte ich die Stimme auf der anderen Seite, spürte wie jemand meine Hand hielt. Ein Film lief vor meinem geistigen Auge ab und ich sah mich wieder auf der Blumenwiese stehen, das weiße Kleid mit den blauen Kornblumen flatterte im Wind. Sehnsucht erfüllte mich und ließ mein Herz weit werden. Eine kleine Ewigkeit, dann war meine Entscheidung gefallen. Ich blinzelte in das helle Licht und versuchte meine Augen zu öffnen, die sich schwer anfühlten wie Blei. Als erstes nahm ich die lange schmale Neonröhre war, die sich über mir an der Decke befand. Vorsichtig drehte ich meinen Kopf auf dem weichen Kissen. Ich lag in einem kleinen Raum. Alles darin schien weiß zu sein. Die Vorhänge, das Bettgestell, die Wände und die Decke. Ich fuhr mit den Fingerspitzen über die weiße Bettwäsche, fühlte den rauhen Baumwollstoff. Verwundert betrachtete ich die vielen Schläuche und Kabel, die mich mit Maschinen und Monitoren verbanden. Ein kontinuierliches Piepsen erfüllte den Raum. Aus den Augenwinkeln nahm ich eine Bewegung war und drehte meinen Kopf auf die andere Seite. Vor dem Fenster stand ein Tisch und zwei Stühle, dort saß mit dem Rücken zu mir eine Person. Sie hatte sich über einen Notizblock gebeugt und schien irgendetwas aufzuschreiben. Eine Weile lang beobachtete ich die Frau, als sie sich plötzlich zu mir umdrehte. Für einen Moment sahen wir uns einfach nur an. Der Ausdruck ihrer weit aufgerissenen Augen, der erst Überraschung zeigte, wechselte plötzlich in unbändige Freude. Sie sprang von ihrem Stuhl auf und mit zwei großen Schritten war sie an meinem Bett. Sie ergriff meine Hand. Tränen der Erleichterung liefen ihr über ihre Wangen. „Ich wusste, dass du es schaffen würdest! Du bist eine Kämpferin!“, wiederholte sie immer wieder während sie mir unablässig über meinen Arm streichelte. Auch meine Augen füllten sich mit Tränen. Sie liefen mir über die Wange und tropften auf das Kopfkissen. Ich versuchte etwas zu sagen, aber meine Stimme wollte mir nicht gehorchen. Es fühlte sich an, als hätte ich sie seit Jahre nicht mehr benutzt und so kam nur ein Krächzen über meine Lippen. „Schschsch! Ruhe dich aus!“, flüsterte sie besorgt. „Wir finden noch genug Zeit zum Reden!“ Sie stand auf. „Ich komme gleich zurück! Ich hole nur eine Krankenschwester!“, sagte sie zu mir. Ich sah ihr nach, als sie den Raum verließ. Erschöpft legte ich meinen Kopf zurück auf das Kissen, schloss die Augen und versank in einen tiefen Schlaf. Ein Jahr später... „Das macht 28 Euro!“, sagte ich zu dem jungen, nervös wirkenden Mann und reichte ihm die, in Papier eingepackten Rosen. „Und viel Erfolg!“, fügte ich mit einem Augenzwinkern hinzu. „Dankeschön!“, antwortete mir der Mann und lächelte verlegen. „Ich hoffe, sie gefallen ihr!“ „Ganz bestimmt!“, antwortete ich ihm und sah ihm nach, als er den Blumenladen verließ. Ich hängte ein Schild mit der Aufschrift „Mittagspause“ an einen Haken, während ich die Tür abschloss. Danach ging ich in die kleine Teeküche in den hinteren Teil des Ladens. Ich setzte mich mit einem Stück Kuchen und einer Tasse Tee an den kleinen Tisch. Während ich den Teebeutel in die Tasse gab und beobachtete wie sich das heiße Wasser langsam dunkel färbte, glitten meine Gedanken in die Vergangenheit zurück. Vor sechs Monaten hatte ich meinen Blumenladen mitten in der Stadt eröffnet. Ein kleines Geschäft, mit einem Verkaufsraum, einer Mini-Teeküche und einem kleinen Lagerraum für die Blumen, Pflanzen und andere Gerätschaften. Es war seit meinem Krankenhausaufenthalt so viel passiert. Noch immer befand ich mich in Therapie und traf mich wöchentlich mit meinem Therapeuten zu einem Gespräch in der Praxis. Meine Schwester war an meiner Seite und unterstützte mich, wo sie nur konnte. Darüber war ich sehr dankbar. Ich hatte mich die letzten Monate zurück ins Leben gekämpft. Trotzdem spürte ich immer noch die schwarze Leere, die durch den Tod von meinem Mann und meinem Sohn in mir entstanden war. Ich wusste, dass sie immer ein Teil von mir bleiben würde. Aber mittlerweile hatte ich genug Leben, genug Licht gesammelt, um diesen Teil in mir aushalten zu können. Manchmal wachte ich in der Nacht schweißgebadet auf, das Kopfkissen nass von meinen Tränen. Ich wusste das es Zeit brauchte, Zeit die ich mir gerne geben wollte. Ich nahm einen Schluck warmen Tee und genoss das intensive Aroma und die Wärme, die sich in meinem Bauch ausbreitete. Ich schaute dabei aus dem Fenster. Es hatte vor kurzem noch geregnet. Jetzt schob sich die Sonne hinter den Wolken hervor und zeichnete ein filigranes Schattenmuster der Blätter eines Busches auf den Boden. Eine Amsel nahm ein ausgiebiges Bad in einer größeren Pfütze und das Wasser spritzte dabei nach allen Seiten. Ich musste lachen. Die Welt drehte sich weiter und ich war Teil davon...

  • ... da ist momentan der Wurm drin...

    ... da ist mir doch gestern der komplette letzte Teil meiner Kurzgeschichte nach einem PC- Absturz abhanden gekommen... ärgerlich, aber nicht zu ändern. Leider habe ich am Wochenende keine Zeit zum Schreiben... Aber ich bleibe dran... versprochen 🤗

  • Die Schattenwandlerin

    Eine Kurzgeschichte in mehreren Teilen von Jennifer Willert Teil 4 … Kornblumen im Sommer, ein kleiner Laden an einer Straßenecke, eine leuchtende Markise und eine bunte Vielfalt an Blumentöpfen davor. Ich lag in der Badewanne, der dicke Babybauch als Halbkugel aus dem Wasser herausragend... Ich lächelte den Mann an, meinen Ehemann... Glückseligkeit. Ein blonder Haarschopf, halb unter der Bettdecke verborgen. Ein Herz, welches vor lauter Liebe überquoll... mein Herz. Dann ein heller Blitz. Ich sah mich selbst vor dem kleinen Bett stehend, es war unberührt...leer. Die Bettdecke lag unordentlich am Fußende, wie als hätte dort vor Kurzem noch jemand gelegen. Doch an diesem Ort schlief schon lange Zeit niemand mehr. Tiefe Traurigkeit lähmte mich, machte mich unbeweglich, die Zeit stand still. Ich hörte irgendjemand leise wimmern und öffnete irritiert meine Augen. Da merkte ich das ich weinte. Das Wimmern kam von mir selbst. Mein Brustkorb fühlte sich eng an und mein Herz wund. Als hätte jemand den START- Knopf gedrückt, lief nun ein Film in meinem Kopf ab. Ich sah in enormer Geschwindigkeit meine Vergangenheit an mir vorüberziehen. Eine regelrechte Bilderflut prasselte auf mich ein und ließ mich schwindelig werden. Grelle Blitze zuckten durch meinen Kopf. Ein Unfall, es war dunkel, die Straße glänzend schwarz im Licht der Scheinwerfer eines Autos. Mein ganzer Körper schmerzte, als ich in einem Bett im Krankenhaus erwachte. „Sie sind die einzige Überlebende! Es tut mir leid!“, hallte die Stimme des jungen Arztes in meinem Kopf wieder. Es dauerte lange bis seine Worte mich wirklich erreichten. Dann kam der Schmerz, er traf mich mit voller Wucht, warf mich zu Boden. „Ich kann das nicht aushalten!“, schrie ich und riss meine Augen auf. Das Echo meiner Worte hallte von den Wänden der Höhle zu mir zurück. Ich lag auf der Seite und krümmte mich wie ein Wurm zusammen. Mein ganzer Körper stand unter Spannung und ich drohte zu ersticken. Aber unbarmherzig liefen, wie bei einer Diashow die Bilder vor meinem geistigen Auge weiter. Aus dem unerträglichen Schmerz wurde langsam Dunkelheit, Gleichgültigkeit und dann Stillstand. Aber die Welt draußen drehte sich weiter, es wurde Tag, es wurde Nacht, ich lebte, denn mein Herz schlug weiter, ich aß ohne Hunger, ich trank ohne Durstgefühl, mein Lachen war künstlich, ich bewegte mich obwohl ich innerlich schon tot war. An einem grauen Novembermorgen stand ich auf dem Dach eines dreistöckigen Gebäudes, Wind war aufgekommen und blies mir lose Haarsträhnen, die sich aus meinem Zopf gelöst hatten ins Gesicht. Es war eisig und der Geruch von aufkommenden Schnee lag in der Luft, aber ich fühlte die Kälte nicht. Ich stand, nur mit einem dünnen und kurzen Nachthemd bekleidet, auf der Dachterrasse des Hauses und sah mit leerem Blick nach unten auf die Straße. Ich sprang... Weitere Blitze dann ein besorgtes Gesicht, welches sich über mich beugte. Der Mann sprach mit mir, versuchte mir etwas mitzuteilen. Die Worte drangen an mein Ohr, aber ich konnte die Bedeutung nicht erfassen. Ein harter Steinboden, der ganze Körper schmerzte... danach endlich Dunkelheit, die mich einhüllte. Ich öffnete meine Augen. Ganz still lag ich da und ließ die vergangenen Bilder auf mich wirken. Eine Palette an Gefühlen durchlief mich wie die vorangegangene Erinnerungsflut, die ich eben erlebt hatte. Es dauerte eine Weile bis die Bilder einen Sinn ergaben und ich begriff. Mühevoll richtete ich mich auf, meine Beine und Arme fühlten sich kalt und steif an. Unter Anstrengung kroch ich zur Felswand und lehnte meinen Oberkörper erleichtert dagegen. Ich hatte bei einem Unfall meinen Ehemann und meinen kleinen Sohn verloren. Meine ganze Familie war auf einen Schlag ausgelöscht. Danach hatte auch ich mich versucht umzubringen. Aber wo war ich jetzt? Benommen rieb ich mir mit beiden Händen über das Gesicht. Als ich die Hände sinken ließ merkte ich, dass es plötzlich heller wurde. Verwirrt drehte ich mich nach allen Seiten um. Als mein Blick zur Decke der Höhle fiel, sah ich mit großer Verwunderung, dass sich der Spalt in der Decke vergrößert hatte. Helles Licht fiel, in immer breiter werdenden Strahlen auf den Boden der Höhle. Als es mich berührte wurde mir warm und eine wohltuende Leichtigkeit umfing mich. Ich sehnte mich so sehr nach Frieden und danach, dass die schmerzende Wunde in meinem Herz endlich heilen durfte. Abgelenkt von dieser neuen und so wohltuenden Empfindungen spürte ich das Streicheln an meinem Unterarm nicht gleich. Als ich es wahrnahm hörte ich ein Flüstern. Ich verstand die Worte nicht, aber die sanfte Stimme zog mich magisch zu sich. Plötzlich wurde mir bewusst, dass ich mich entscheiden musste.

  • Die Schattenwandlerin

    Eine Kurzgeschichte in mehreren Teilen von Jennifer Willert Teil 3 Schwaches Licht drang von irgendwoher in den dunklen Gang hinein und tauchte die feucht wirkenden Steinwände in ein glänzendes, dunkles Grau. Erstaunt hielt sie in ihrer Bewegung inne und sah sich aufmerksam um. Das gedämpfte Licht war eine Wohltat nach der Zeit der Dunkelheit. Einige Meter vor ihr wurde der Gang allmählich breiter und ging dann in einen größeren Hohlraum über. Sie blickte nach allen Seiten, um die Quelle für das hereinströmende Licht ausfindig zu machen und entdeckte gut fünfzehn Meter über sich eine kleine gezackte Öffnung in der Höhlendecke. Diese ließ gerade so viel Licht hinein, dass sich die schattenartige Umrisse der Umgebung abzeichneten. Sie war der vollständigen Dunkelheit entkommen und Tränen der Erleichterung traten in ihre Augen. Dann fiel ihr das zuvor wahrgenommene Wasserplätschern wieder ein und sie lauschte konzentriert in die Stille. Dem Geräusch folgend, trat sie auf die gegenüberliegende Seite der Höhle. Kurze Zeit später tastete sie feuchten Untergrund und fühlte, wie ihr Wasser über die Fingerkuppen lief. Freudig überrascht schrie sie auf. Da es ihr zu lange dauerte bis sich ihre, zu einer Kuhle geformten, Hände mit Wasser gefüllt hatten, presste sie ihre Wange an den kühlen Felsen und trank in gierigen Schlucken. Ein Gefühl tiefster Dankbarkeit und Erleichterung überkam sie, als das unangenehme Durstgefühl endlich nachließ. Als sie nichts mehr trinken konnte ließ sie sich erleichtert auf den Boden sinken. An die Felswand gelehnt, schloss sie für einen Moment die Augen. Helle Blitze zuckten durch ihren Kopf. Sie sah grell blinkende Lichter vor sich, überall um sie herum huschten dunkle Schatten an ihr vorbei... sie hörte leises Stimmengemurmel, dann näher kommendes Sirenengeheul. Ein besorgtes Gesicht beugte sich über sie. Der Mann sprach mit ihr, versuchte ihr etwas mitzuteilen. Die Worte drangen an ihr Ohr, aber sie konnte die Bedeutung nicht erfassen. Ein harter Steinboden, der ganze Körper schmerzte... dann endlich die erlösende Dunkelheit, die sie einhüllte. Erschrocken riss sie die Augen auf und schnappte keuchend nach Luft. Ihr Herz raste und kalter Schweiß hatte sich auf ihrem Körper gebildet. Unbewusst griff sie sich mit beiden Händen an den Kopf. War das eine Erinnerung oder spielte ihr das Unterbewusstsein einen Streich? Sie dachte an den Mann und den kleinen Jungen und wiederholte ihre Namen. Immer wieder bis sie spürte, dass sie ruhiger wurde. Danach stand sie auf und untersuchte die Höhle gründlich, dieses Mal gab es keinen weiteren Gang. Sie hob ihren Kopf und sah nach oben. Dort war der Ausgang, aber wie sollte sie die gut fünfzehn Meter ohne Kletterausrüstung nach oben klettern? Sie sah sich im dämmrigen Licht die Felswände genauer an. An manchen Stellen hätte man sich sicherlich nach oben ziehen können, aber die glatten Stellen dazwischen machten das Klettern ohne Haken und Seil unmöglich. Vielleicht würde irgendjemand ihre Hilferufe durch den Spalt in der Decke hören? Erschöpft brach sie einige Zeit später auf dem Boden zusammen. Ihr Hals schmerzte vom vielen Rufen und Schreien. Durst quälte sie, aber sie hatte nicht einmal mehr die Kraft aufzustehen, um Wasser zu trinken. Wie spät war es jetzt? War es später Vormittag oder schon Abend? Sie sah wieder zur Decke, der Lichteinfall schien unverändert zu bleiben. Erschöpft schloss sie die Augen und schlief ein. Mit einem getrösteten Gefühl im Herzen wachte sie wieder auf. Es war ihr, als hätte irgendjemand etwas sehr Schönes zu ihr gesagt. Sie konnte sich nicht mehr an die Worte erinnern, aber es war eine sehr vertraute Stimme gewesen. Sie berührte ihren Unterarm. Es fühlte sich an, als hätte jemand zuvor sanft darüber gestreichelt. Langsam stand sie auf und stillte ihren Durst, danach sah sie sich wieder in der Höhle um. Es gab offensichtlich keinen Ausweg! Aber irgendwie musste sie doch an diesen gottverlassenen Ort gekommen sein? Die Zeit verging... Sie saß da und starrte auf die Wand gegenüber. Wenn sie Durst hatte, dann stand sie auf und trank. Wenn sie müde war, dann rollte sie sich auf die Seite zusammen und schlief. Wie lange konnte man ohne Nahrung überleben? Waren es vier Wochen oder länger? Sie wusste es nicht genau. Manchmal erschien ihr der Mann oder der kleine Junge vor ihrem inneren Auge. Aber auch diese Bilder vermochten ihr keinen Trost mehr zu spenden. Sie würde hier unten sterben, elendig verenden und niemand würde es mitbekommen! Aber auch das war ihr inzwischen egal! Der Schlaf war eine Erlösung. Sie lag auf einer grünen Wiese, die Sonne wärmte ihren Körper, um sie herum summten die Insekten und ein leichter Wind streichelte ihre Haut. Es war so friedlich. Sie öffnete ihre Augen und drehte sich auf die Seite. Ein Stück weiter weg beugte sich eine junge Frau zu den bunten leuchtenden Blumen hinab, um sie zu pflücken. Sie war barfuß und trug ein weißes Kleid mit blauen Kornblumen darauf. Mit einem großen Strauß auf dem Arm drehte sie sich um und kam näher. Ihr stockte der Atem. Sie setzte sich ruckartig auf... Die junge Frau war sie selbst. Ich saß ganz still da. Aus Angst, dass jede noch so kleinste Bewegung mir diese Erinnerung wieder nehmen könnte. Ich atmete .. EINATMEN. .. AUSATMEN.. . so wie ich es vor gar nicht allzu langer Zeit von meinem Therapeuten gelernt hatte und konzentrierte mich auf die Bilder des Traumes. Die junge Frau war ich selbst! Ich erinnerte mich an diesen Sommer und daran wie ich mich dort auf der Wiese gefühlt hatte. Ich träumte davon mich selbstständig zu machen, von einem kleinen Blumenladen mitten in der Stadt. Aber ich hatte mir diesen Traum nicht erfüllt... Warum? Wieder drohte mir die Erinnerung zu entgleiten und ich konzentrierte mich erneut... EINATMEN... AUSATMEN... Ich wurde schwanger! Ich sah mich mit einem großen Babybauch eine Wand streichen. Ich war nicht alleine. Irgendjemand half mir bei den Malerarbeiten. Wir lachten. Es war der Mann... Der kleine Junge... es war mein Kind... mein Baby! Tränen liefen mir über meine Wangen., tropften von meinem Kinn auf den Boden. Ich erinnerte mich wieder!

  • Die Schattenwandlerin

    Eine Kurzgeschichte in mehreren Teilen von Jennifer Willert Teil 2 Ihre Augenlider flatterten und grelles Licht blendete sie. Irgendwo in der Ferne war Stimmengemurmel zu hören, gedämpft als läge sie unter einer Glaskuppel. Sie spürte eine sanfte Berührung an ihrer Hand, ein zärtliches Streicheln entlang ihres Unterarmes. Oder war das nur der Wind? Erneute Dunkelheit umfing sie, als sie die Augen öffnete. Es dauerte einen Moment bis sie begriff, wo sie war. Sie lag ganz still da und versuchte sich den Traum von eben ins Gedächtnis zurückzurufen. Aber auch dieses Mal gelang es ihr nicht die Bilder festzuhalten. Sie entglitten ihrem Bewusstsein wie der feine Sand in einer Sanduhr. Unbändige Wut überkam sie so plötzlich wie ein unerwarteter Sturm. Was war eigentlich los mit ihr? Wieso konnte sie sich an nichts mehr erinnern? Der aufsteigende Zorn über ihre ausweglose Situation gab ihr die Kraft. Mit einer ruckartigen Bewegung sprang sie auf. Das Schwächegefühl und der einsetzende Schwindel machten sie nur noch wütender. Sie lief wie eine Irre durch die Höhle. Sie schrie und rief bis sie heiser war, stolperte, fiel hin, schlug sich die Knie auf, kam wieder auf die Beine weiter um Hilfe schreiend. Irgendwann brach sie erschöpft und weinend auf dem kalten Steinboden zusammen. Wimmernd, sich zusammenrollend wie ein Embryo, lag sie da. Es war so entsetzlich still hier. Kein Laut drang zu ihr herein. Sie fing an zu summen- Irgendein vergessenes Kinderlied. In ihrer Erinnerung sah sie sich auf einer Bettkante sitzen, neben ihr lag eine kleine Gestalt, die Bettdecke bis zur Nasenspitze hochgezogen. Der Kopf mit dem verstrubbelten Haarschopf lag auf ihrem Schoß. Sie streichelte ihm sanft über die Wangen während sie eine Melodie summte. „Bleibst du immer bei mir?“, flüsterte die verschlafene Stimme des kleinen Jungen. „Für immer!“, antwortete sie leise. Der alte Schmerz kehrte zurück. Wie ein wildes Tier wütete es in ihrem Herzen. Sie schnappte nach Atem, setzte sich auf, umschloss mit beiden Unterarmen ihre Knie und wiegte sich hin und her. Sie konnte sich nicht einmal umbringen! Welch eine Ironie des Schicksals! Vielleicht könnte sie die Luft anhalten bis sie erstickte! Sie verwarf den Gedanken im gleichen Moment. Irgendwo hatte sie mal gelesen, dass das nicht funktionierte. Vorher würde sie sowieso verdursten! Erst jetzt wurde ihr bewusst, wie trocken sich ihr Hals anfühlte. Sie hatte schrecklichen Durst! Wieder schwappte eine Welle des Schmerzes über sie und ihr Herzschlag beschleunigte sich. Um der inneren Qual wenigstens einen Moment zu entkommen, konzentrierte sie sich auf ihren Atem. Sie atmete langsam durch die Nase ein, spürte wie ihr Atem ihren Brustkorb weitete, wie sich ihr Bauch ein wenig hob, danach atmete sie wieder durch den Mund langsam aus. Nach ein paar Atemzügen verlangsamte sich ihr Herzschlag, sie kam zur Ruhe und ihre Gedanken klärten sich ein wenig. Sie besaß zwei Erinnerungen und sie atmete. Das war alles was sie hatte! Sie brachte sich in eine aufrechte Position und konzentrierte sich unter tiefen Atemzügen auf den Mann und den Jungen. Der Junge tauchte sofort wieder in ihrem Bewusstsein auf, klar konnte sie ihn vor sich erkennen. Bei dem Mann dauerte es etwas länger bis sie ihn deutlich vor sich sah. Plötzlich wusste sie, dass der Mann der Vater des Jungen war und sie hatte zwei Namen im Kopf. Unbändige Freude über diese neue Information überkam sie. Und sie hütete ihr neues Wissen wie ein Schatz in ihrem Herzen. Immer wieder sagte sie die zwei Namen. Mal laut und deutlich, dann wieder fast flüsternd. Es hatte etwas tröstliches und stärkte ihren Willen zu überleben. Einer Eingebung folgend stand sie auf und ging zu einer der Felswände zurück. Sie fing an jeden Zentimeter Stein abzutasten. Dabei stellte sie sich auf die Zehenspitzen, um auch die oberen Wände zu untersuchen, danach ging sie abermals auf die Knie und inspizierte den unteren Teil der Höhle. Als ihre Hand plötzlich ins Leere griff, war sie selbst so überrascht, dass ein spitzer Schrei über ihre Lippen kam. Sie untersuchte die Mulde im Felsen um festzustellen, dass es sich dabei um einen röhrenartigen Gang von ungefähr einem Meter Durchmesser handelte. Er war ihr beim ersten Rundgang nicht aufgefallen, da er sich direkt am Boden der Höhle befand und sie oberhalb des Ganges getastet hatte. Ihr Herz begann erneut zu klopfen. Was befand sich in diesem röhrenartigen Gang vor ihr? Ihr war klar, dass sie sich nur gebückt oder auf den Knien fortbewegen konnte. Bei dem Gedanken daran zog es ihr den Magen zusammen. Litt sie unter Klaustrophobie? Aber es half nichts! Hier wollte und konnte sie nicht bleiben. Hier gab es nichts, außer Dunkelheit, Hoffnungslosigkeit und Schmerz. Entschlossen kam sie auf ihre Knie und tastete sich langsam in den dunklen Gang hinein. Eine Weile kam sie gut voran. Danach wurde der Gang plötzlich enger und sie musste sich bäuchlings vorwärts bewegen. Der Weg war beschwerlich und ein paar Mal überlegte sie umzukehren. Aber irgendetwas in ihr trieb sie voran. Als der Gang noch enger wurde, hielt sie einen Moment in ihrer Bewegung inne und legte erschöpft ihren Kopf auf den kalten Steinboden ab. Sie brauchte einige Atemzüge, um die aufkommende Panik niederzukämpfen. Was passierte, wenn sie hier steckenblieb? Sie konnte nicht einschätzen, wie weit sie schon gekommen war. Waren es fünf Meter oder doch schon fünfzig Meter? Konnte sie überhaupt den ganzen Weg rückwärts robben? Bei diesem Gedanken ergriff sie eine weitere Panikattacke und keuchend ließ sie ihren Kopf auf den Boden sinken. Da war doch ein Geräusch? Angestrengt hörte sie in die Stille. Hatte sie sich es nur eingebildet oder war da ein leises Wasserplätschern. Sie drehte ihren Kopf in die Richtung, in der sie glaubte etwas gehört zu haben. Es war ihr, als tropfte irgendwo in der Nähe Wasser auf den Boden. Das bildete sie sich nicht ein! Mit neuer Hoffnung kämpfte sie sich voran. Fortsetzung folgt...

  • Die Schattenwandlerin

    Eine Kurzgeschichte in mehreren Teilen von Jennifer Willert Teil 1 Grelle Blitze zuckten durch ihren Kopf, als sie langsam von der Traumwelt in die Wirklichkeit zurückkehrte. Aber wo war sie? Ihr Körper fühlte sich an, als hätte sie einen zehnstündigen Marathonlauf hinter sich. Sie lag auf der Seite, ihre Arme und Beine schlaff und nutzlos wie bei einer Marionette neben ihr. Unfähig sich zu bewegen, spürte sie kalten und harten Boden unter sich. Irgendetwas Spitzes hatte sich schmerzhaft in ihre Rippen gebohrt. Ihr Kopf dröhnte und war zu keinem klaren Gedanken fähig. Angestrengt versuchte sie ihre Augen zu öffnen. Die Wimpern fühlten sich verklebt an und es kostete sie einige Kraft, um sie wenigstens einen spaltbreit zu öffnen. Mit tauben Fingern, die den Anschein erweckten, dass sie nicht ihre eigenen waren wischte sie sich mit unbeholfenen Bewegungen über das Gesicht. Völlige Dunkelheit umfing sie, die auch nach ein paarmal Blinzeln nicht verschwand. Mit aller Kraft zog sie sich in eine sitzende Position und ignorierte das aufkommende Schwindelgefühl und den stark ziehenden Schmerz, der ihr bei jeder Bewegung durch den Rücken zog. Ängstlich drehte sie ihren Kopf in alle Richtungen. Nichts als Dunkelheit. Sie hielt inne und lauschte angestrengt in die Finsternis. Nichts! Sie versuchte in den Bauch zu atmen, ein paar tiefe Atemzüge, die die aufsteigende Panik in ihr verhindern sollten. Irgendjemand hatte ihr vor Kurzem zu Atemübungen geraten. „Atmen sie durch die Nase ein und zählen sie langsam bis 7... sehr gut... und jetzt über die Lippenbremse wieder aus... zählen sie dabei bis 8... das machen sie prima... spüren sie den Atem nach...!“, hallte ein männliche Stimme in ihrem Kopf. Angestrengt versuchte sie sich zu erinnern, wer der Mann mit der tiefen und so beruhigenden Bassstimme war. Aber sie sah nur ein verschwommenes Gesicht vor sich. Als sie sich darauf zu konzentrieren versuchte, verschwand es wie ein flüchtiger Nebel und Schwärze tat sich stattdessen wieder auf. Ein modriger und abgestandener Geruch trat in ihre Nase, der eine Gänsehaut auf ihren Armen und Beinen bewirkte. „Wo war sie?“ Sie tastete mit ihren Fingern unbeholfen den Boden unter sich ab. Es bestand kein Zweifel, sie lag auf einem kühlen, unebenen Steinboden. „Hallo!“, rief sie in die Dunkelheit. „Hallo! Ist hier Jemand?“ Ihre Stimme hallte ganz leicht von den Wänden zu ihr zurück und sie begriff, dass sie sich in einer Art Höhle, Grotte oder Halle befinden musste. Angestrengt versuchte sie sich noch einmal zu erinnern, wie sie dorthin gelangt war. Aber die Vergangenheit schien wie ausgelöscht, ähnlich einer Computer-Festplatte, die formatiert wurde. Sie konnte sich weder an ihren Namen erinnern, noch wusste sie wie alt sie war. „Hatte sie Kinder, war sie verheiratet, ging sie einer geregelten Arbeit nach?“ Sie wusste es nicht mehr. Kurz kam ihr die Idee, dass sie durch ein Erdbeben oder eine Schneelawine verschüttet worden war und sie dabei ihr Gedächtnis verloren hatte. Aber ihr Bauchgefühl sagte ihr, dass dies nicht stimmte. Aber konnte sie sich darauf verlassen? Unter Stöhnen kam sie auf ihre Knie und krabbelte, weil sie immer noch nicht die Kraft fand aufzustehen, auf allen Vieren vorwärts. Dabei tastete sie sich Meter für Meter nach vorne. Angst stieg in ihr auf. Angst vor dem Unbekannten. Furcht, dass irgendetwas, irgendjemand in einer Ecke lauerte, nur darauf wartend, sich auf sie zu stürzen. Nach einer gefühlten Ewigkeit spürten ihre Hände und die Finger eine senkrechte Felswand vor sich. Mit größter Kraftanstrengung zog sie sich an dem unebenen Stein nach oben. Ein starker Schwindel erfasste sie erneut und keuchend lehnte sie sich für einen Moment an den kühlen Felsen. Kalter Schweiß brach ihr aus allen Poren hervor und für einen Augenblick vermutete sie erneut das Bewusstsein zu verlieren. Sie fröstelte und erst jetzt wurde ihr bewusst, dass sie nichts trug, als ein kurzes Kleid mit schmalen Trägern. Der Stoff fühlte sich so dünn an, als könnte er schon beim kleinsten Windstoß reißen. Als sie sich wieder gefasst hatte beschloss sie den dunklen Ort, in dem sie erwacht war zu erkunden. Sie schritt, sich langsam vorwärts tastend, an der Wand entlang. Um den Anfang wiederzufinden, legte sie drei kleine Steine in Höhe ihrer Schulter auf einen Felsvorsprung ab. Sie versuchte sich zu konzentrieren und zählte die Schritte bis zum Ausgangspunkt. Als ihre zitternden Finger erneut die Wegmarkierung ertasteten, war sie bei knapp 200 Schritten angekommen. Die Höhle war nahezu rund, zumindest kam ihr das bei ihrer ersten Erkundung so vor. Erschöpft ließ sich sich zu Boden gleiten, stützte ihre Arme auf den angezogenen Beinen ab und vergrub den Kopf in ihren Händen. „Sie saß in der Falle! Sie wusste weder WER noch WO sie war! Sie war in einer großen Höhle gefangen, ein steinernes Grab, aus dem es kein Entkommen gab.“ Eine tiefe Verzweiflung und Hoffnungslosigkeit überkam sie. Es stieg vom kalten Steinboden auf, fraß sich durch ihre Fußsohlen, kletterte an den Beinen entlang zu ihrem Oberkörper. Wie eine eiserne Faust umschloss es ihr Herz und drückte auf ihre Lungenflügel. Sie konnte nicht mehr atmen, drohte zu ersticken. Röchelnd und nach Luft schnappend lehnte sie ihren Oberkörper an die kühle Felswand. Wie ein Blitz zuckte eine Erkenntnis durch ihr Bewusstsein. Sie kannte dieses Gefühl, es erinnerte sie an irgendetwas. „Was war es?“ Ein Bild formte sich vor ihrem geistigen Auge. Sie sah einen Mann, Anfang 40... auf seinen Schultern saß ein kleiner Junge... BEIDE LÄCHELTEN. Für einen Bruchteil einer Sekunde verschwand der Schmerz, die Hoffnungslosigkeit und die Verzweiflung und sie spürte, wie sie zurücklächelte. Genauso schnell, wie sie erschienen war, löste sich die Vision vor ihr in Luft auf. „Nein!“, schrie sie und griff mit ihrer Hand vor sich ins Leere, als könnte sie das Bild, den Augenblick festhalten. Aber da war nur noch Finsternis. Der Schmerz kam mit doppelter Intensität zurück, durchbohrte ihr Herz und sie hatte das Gefühl, dass ihr gesamter Oberkörper in Flammen stand. Sie schrie auf, fiel auf die Seite und blieb, sich auf dem Boden windend, zitternd liegen. Als sie dachte, dass die Flammen alles zerstört hatten und sie jetzt sterben müsste, kamen endlich die Tränen. Sie weinte und es fühlte sich an, als hätte sie es eine Ewigkeit nicht mehr getan. Irgendetwas in ihr zerbrach und sie konnte den Tränen freien Lauf lassen. Sie löschten die Flammen in ihr und zurück blieb nur noch Asche. Fortsetzung folgt...

  • Gefahr in Verzug

    „Auskuppeln... bremsen!“, schreie ich und drücke mit meinem rechten Fuß mit voller Kraft gegen das, mit Teppich ausgelegte Bodenblech meines Autos. Als könnte ich irgendetwas damit bewegen oder gar verändern, denn ich sitze nicht auf der Fahrerseite. Nein! Ich bin heute nur Beifahrer. Stiller Zeuge einer unheilverkündenten Situation. Okay, vielleicht nicht ganz still. „Auskuppeln und bremsen!“, schreie ich meine Tochter erneut an, die mit vor Anspannung geröteten Wangen neben mir sitzt. Endlich reagiert sie auf meine, in Dauerschleife gebrüllten Anweisungen und mein kleines rotes Auto kommt ruckartig zum Stehen. Was folgt ist Erleichterung auf beiden Seiten darüber, dass sich das kleine Mäuerchen noch einen Meter vom Kofferraum meines Fahrzeug entfernt befindet. „Interessant!“, stelle ich fest. Meine Tochter schaut mich fragend an. „Rückwärts kommst du wenigstens vorwärts... wenn da nicht die Problematik mit dem Bremsen wäre. Vorwärts geht es dafür eher sprunghaft voran, weil DU und die Kupplung bisher noch keine harmonische Beziehung zueinander aufbauen konntet. “ Wir müssen beide lachen. „Okay! Auf ein Neues!“, bestimme ich und versuche so viel Enthusiasmus und Zuversicht in meine Stimme zu legen, wie möglich. Wir befinden uns heute auf einem Übungsplatz in der Nähe von Forchheim. Als treusorgende Mutter bin ich auf die Idee gekommen meiner 16-jährgen Tochter das Autofahren ein wenig näherzubringen. „Soooo... und jetzt die Kupplung langsam kommen lassen... jaaa sehr gut... und jetzt etwas Gas... finde den Schleifpunkt...!“, erkläre ich und versuche ruhig zu bleiben, um meiner Tochter die nötige Sicherheit zu geben. Das Auto macht einen Hüpfer nach vorne und der Motor geht aus. „Der sch..... Schleifpunkt!“, ruft meine Tochter und lässt ihren Kopf auf das Lenkrad sinken. „Das schaffe ich nie!“ „Doch, das schaffst du schon!“, tröste ich sie. „Jeder fängt mal an!" Sie versucht es erneut und wir bewegen uns hüpfend einige Meter nach vorne, bevor der Motor erneut den Geist aufgibt. „Na das war doch schon ganz gut!“, stelle ich fest, während ich heimlich über den Sitz meines Autos streichele, um es zu trösten. „Mein armes Auto!“, denke ich und schenke meiner Tochter ein etwas gequältes Lächeln. „Kupplung loslassen... jetzt lass' doch um Gottes Willen die Kupplung los... ja genau... und jetzt mehr Gas!“ Endlich setzt sich das Auto in Bewegung und wir fahren im Schneckentempo und im 1.Gang den Weg entlang. „ICH FAHRE!“, ruft meine Tochter begeistert und strahlt über das ganze Gesicht. Ich lotse sie in einen Kreisverkehr und wir fahren gefühlte 100x im Kreis, bevor ich ihr die nächste Aufgabe gebe. „Jetzt gib ein bisschen mehr Gas und schalte mal in den 2. Gang!“, fordere ich sie auf. „Das kann ich nicht!“, entgegnet sie mir mit panischem Gesichtsausdruck. „Warum nicht?“, will ich irritiert von ihr wissen. „Ich fahre doch im Kreis!“, antwortet sie mir. „Ach so!“, sage ich und grinse, „Das ist natürlich ein Argument!" Nach einer Weile wollen wir auf einer geraden Strecke das Anfahren üben. Meine Tochter zögert. „Was ist los?“ will ich von mir wissen. „Ich lasse erst das entgegenkommende Auto vorbeifahren!“, erklärt sie mir. Ich schaue mich nach allen Seiten um. „Was für ein Auto?“ „Na das da!“, meine Tochter zeigt in eine Richtung links von uns. In der Ferne entdecke ich ein stecknadelkopfgroßes anderes Fahrzeug, was gerade in Begriff ist loszufahren. Jetzt muss ich lachen. „Jawohl! Wir warten besser noch ab! Nicht das wir mit diesem Auto kollidieren!“. „Du bist gemein!“, ruft meine Tochter empört, der mein ironischer Unterton nicht entgangen ist. Danach üben wir das Lenken durch ein unebenes Waldstück, welches dem Übungsplatz direkt angrenzt. Nach einigen Fast-Unfällen mit Bäumen, einem Holzstapel und einem morschen Baumstamm ist unsere Übungsstunde vorbei. Mein T-Shirt klebt an meinem Körper, mein Nacken schmerzt vom ständigen Schulterhochziehen und mein Herz klopft immer noch wie ein Presslufthammer. Ein Blick auf meine Tochter zeigt mir ein ganz ähnliches Bild. Wir tauschen die Plätze und erleichtert schnalle ich mich an. In diesem Moment gilt meine ganze Anerkennung und Hochachtung allen Fahrlehrern dieser Welt. Ich macht einen verdammt gefährlichen Job! „Hat doch gut geklappt!“, sage ich zu meiner Tochter als wir das Gelände verlassen.

  • Der Blog schläft...

    Liebe Leserin, lieber Leser Der Blog befindet sich ab heute im tiefen FeiertagS-UrlaubS-Schlummer. Nachdem ich Prag einen Besuch abgestattet und mich im Bayerischen Wald ein bisschen entspannt habe, erwarten Euch ab dem 19.06.25 wieder neue Geschichten.. Ich wünsche ALLEN von HERZEN eine sonnige und stressfreie Zeit...

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