Von Geistern der Vergangenheit und neuen Begegnungen
- Jennifer Willert
- vor 3 Tagen
- 4 Min. Lesezeit
Aktualisiert: vor 3 Tagen

Das große Feuer ist schon von weiter Ferne gut zu sehen und gelb-orangene Flammen lodern hoch in den dunklen Nachthimmel hinauf. Kein Wunder, denn der im Vorfeld errichtete Scheiterhaufen ist mehrere Meter hoch. Als ich mich dem Feuer nähere, kann ich die immense Hitze spüren, die mir schon aus einiger Entfernung entgegenschlägt. Beeindruckt bleibe ich eine Weile stehen und schaue in die Flammen. Ein offenes Feuer besitzt fast schon eine magische Wirkung, wie ich finde. Am Abend in schöner Runde am Lagerfeuer sitzen, etwas trinken, gute Gespräche führen und dazwischen, versunken in die eigenen Gedanken, ins Feuer schauen hat seinen ganz eigenen Reiz. An diesem Abend verhält es sich ein klein wenig anders. Ich bin alleine zum großen Feuer nach Süddorf gekommen und kenne hier niemanden. Das Biikebrennen ist ein uralter, tief verwurzelter Brauch in Nordfriesland, der jedes Jahr am 21. Februar gefeiert wird und die Wintergeister vertreiben soll.
Ich hole mir erst einmal am Stand der Feuerwehr einen Glühwein.
„Gib dem Mädel ein bisschen mehr RUM in den Glühwein!“, ruft die Frau ihrem Kollegen zu, nachdem ich ein großzügiges Trinkgeld gegeben habe.
Das Endresultat ist ein Pappbecher voll Rum mit einem Schuss Glühwein. Den dicken Kopf am nächsten Tag gibt es gratis dazu.
Mutig stelle ich mich zwischen die, mir völlig fremden Menschen und schaue ins Feuer.
Da fällt mir eine Textstelle aus meinem Buch ein, welches ich zurzeit lese: „Du brauchst nicht immer einen Plan, sondern nur Vertrauen. Folge deinen Ideen, deinen Impulsen und deinen Wünschen... Mut entsteht beim Gehen!"
In dem Buch geht es um „Overthinking“ und wie man fälschlicherweise annimmt, dass uns dieser, IMMER FORTWÄHREND PLAPPERNDE Verstand Sicherheit gibt bzw. wir glauben dadurch alles unter Kontrolle zu haben. Aber in Wirklichkeit hindert er uns ganz oft daran wirklich zu leben! Wir zögern tage-, wochen-, monatelang oder ein ganzes Leben aus Angst die Kontrolle zu verlieren und verpassen die vielen wunderbaren Augenblicke, die das Leben für uns bereit hält.
Stimmen und Lachen dringen an mein Ohr und reißen mich aus meinen Gedanken. Ich schnappe einige Wörter einer Unterhaltung auf und muss lachen: „Genau mein Humor!“, denke ich und nippe an meinem Rum-Glühwein-Mix. In diesem Moment schaut ein Mann aus der Gruppe zu mir rüber und unsere Blicke treffen sich.
Verlegen schaue ich zu Boden. „Nicht das er noch denkt... ich hätte gelauscht!“, schießt es mir durch den Kopf.
Keine Ahnung, wie es dazu kommt, aber 5 Minuten später stoße ich mit drei Männern und einer Frau mit meinem Pappbecher und deren Flensburger Bier an.
Wir kommen ins Gespräch und ich erfahre, dass Christoph, ein sehr großer Mann mit wildem Bart und langen Haaren, Zahnarzt ist. Er hat eine eigene Praxis in der Nähe von Flensburg. Seine Frau Cornelia ist Erzieherin und Michael verdient sein Geld als Ingenieur für Umwelttechnik während Martin schon Rentner ist. Er ist Inhaber eines Bildhauer-Ateliers und arbeitet mit den verschiedensten Materialien. Alle verbindet sowohl Nachbarschaft in einem kleinen Ort Nähe Flensburg, wie auch eine jahrelange Freundschaft miteinander.
Zur späteren Stunde wechseln wir vom Biikefeuer zu Cornelias Elternhaus, welches sich nicht weit entfernt befindet.
Christoph erklärt mir, dass er, ganz ähnlich wie bei Harry Potter, ein Halbblut ist und sowohl GERMANISCHE wie auch PERUANISCHE Wurzeln hat. Mich erinnert er eher an Hagrid, den gutmütigen Wildhüter, aber das behalte ich lieber für mich. Daraufhin erzähle ich, dass auch ich nur 51,5% Germanin bin. Ein kürzlich gemachter DNA-Test bestätigte, dass in meinen Adern ebenfalls französisches, norditalienisches, englisches und dänisches Blut fließt. Vielleicht wäre so ein DNA-Test für den ein oder anderen fremdenfeindlichen Rassisten eine heilsame Maßnahme.
Martin und ich tauschen uns über kreative Projekte aus und stellen fest, dass es einige Gemeinsamkeiten zwischen der Bildhauerei und dem Schreiben gibt. Im Vorfeld gut durchdachte Projekte, egal ob schriftlicher oder dreidimensionaler Natur, entwickeln im späteren Verlauf eine Art wundersames Eigenleben. Kreativität ist lebendig und folgt einem eigenen Rhythmus, auf den der Verstand keinen Zugriff hat. Er zeigt mir Bilder von seiner Arbeit und ich stelle fest, dass es sich bei vielen der kunsthandwerklichen Arbeiten um leicht bekleidete Frauenskulpturen handelt. Das läge daran, dass sich in den Räumen seines Ateliers früher ein "Freudenhaus" befunden habe, erklärt er mir mit einem Augenzwinkern.
"Wahrscheinlich haftet den Zimmern immer noch der unkeusche Geist liederlicher Verruchtheit an!", denke ich so bei mir. "Da bleibt einem echten Künstler gar nichts anderes übrig, als diese Energie in Kunst zu verwandeln!"
Ich erkläre Michael, dem Ingenieur, der sich selbst als schmutzigen GRÜNEN-Wähler bezeichnet, dass es für mich keinen Sinn macht zu viel über unsere WeltPolitik zu sprechen. Das frustriert mich, weil ich keinen Einfluss darauf habe. Vielmehr versuche ich in meinem Umfeld, innerhalb meiner Familie, meinen Arbeitskollegen, Freunden und bei meinen Patienten etwas zu verändern. Dort kann ich etwas bewegen, eine Veränderung herbeiführen und fühle mich nicht so hilflos. Cornelia pflichtet mir bei. Der Stammtisch und das ewige Diskutieren und Schimpfen über Politik sei sowieso sinnlos und so ein Männerding, meint sie. Frauen haben da eine ganz andere Art und Vorgehensweise sind reflektierter, emotionaler und empathischer, stellt sie abschließend fest und wir lächeln uns verschwörerisch über den Tisch hinweg an. Diese Aussage lässt die Männer nicht kalt und es entfacht eine Diskussion über Unterschiede zwischen männlicher und weiblicher Energie. Christoph behauptet kurzum, dass er als peruanischer Macho keine weibliche Energie und schon gar keine Empathie in sich trägt. Was ihm aber so niemand in der Runde wirklich abnimmt. Darüber sind sich dann alle wieder einig. Michael und ich sind uns einig, dass ein starker Mann auch ohne Schwierigkeiten ein paar weibliche Eigenschaften ausleben kann, ohne Gefahr zu laufen als Weichei zu gelten. Es wird ein langer, lustiger und auf merkwürdige Art, vertrauter Abend miteinander. Beim Abschied tauschen wir Telefonnummern aus und Michael begleitet mich, ganz Gentleman, noch nach Hause. Ich habe heute unter anderem einen neuen Zahnarzt gefunden. Und da ich jetzt nicht einfach für ein Zahnarzt-Termin nach Flensburg fahren kann, bin ich gleich von allen Vieren für ein ganzes Wochenende eingeladen. Ich hätte nie gedacht, dass ich mich mal auf einen Zahnarzt-Termin freuen würde.
Als ich später total müde, nicht mehr ganz nüchtern aber überglücklich auf mein Kissen sinke wird mir bewusst, dass ich heute alles richtig gemacht habe. Ich bin einfach losgelaufen, ohne Plan und ohne zu wissen was kommt. Ich hatte ein bisschen Angst aber ich habe es trotzdem gemacht.
Ich habe JA zum Leben gesagt und die Antwort war eine wunderbare Begegnung mit vier ganz besonderen Menschen...



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