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Tiefgefroren

  • Autorenbild: Jennifer Willert
    Jennifer Willert
  • 31. Jan.
  • 4 Min. Lesezeit

Liebe Leserin, lieber Leser


Mittlerweile bin ich gut und wohlbehalten auf meiner kleinen Insel angekommen und wollte heute meinen Blog mit einer wahrlich frostigen Geschichte wieder auftauen...


Zu meinen zahlreichen Aufgaben in der Kur-Klinik gehört das Wassertreten, in guter und bewährter Weise nach Sebastian Kneipp. Was in den Sommer Monaten bestimmt eine erfrischende Angelegenheit ist, gestaltet sich in den Wintermonaten dann doch etwas schwieriger. Zumindest so mein Eindruck, den ich hier gerne mit Euch teilen möchte. Vielleicht ist es aber auch der verzweifelte Versuch meine sehr eindrucksvollen und tiefgehenden Erfahrungen des vergangenen Freitags in einer Art Schreib-Therapie mit Euch gemeinsam aufzuarbeiten. Kurz um... ich habe Redebedarf!

Alles fing so an...

Mit großem Interesse nahm ich schon am Donnerstag in meinem Arbeitsplan zur Kenntnis, dass ich am folgenden Tag um 10 Uhr mit 25 Teilnehmern zum Wassertreten eingeteilt war.

Nach einem hastigen Blick aus dem Fenster und der Wettervorhersage für den morgigen Tag, sah ich dem Ereignis eher mit gemischten Gefühlen entgegen. Vielleicht sollte ich an dieser Stelle noch einmal erwähnen, dass wir zurzeit auf der Insel ungewöhnlich viel Schnee liegen haben. Auch möchte ich es nicht versäumen auf meine durchaus ausgeprägte Kälteempfindlichkeit hinzuweisen. Ich gehöre zu den Menschen, die bis spät in den Monat Mai noch mit Wärmflasche und Wollsocken zu Bett gehen. Gefühlt ist es mir nämlich die Hälfte des Jahres zu kalt. Trotzdem entschloss ich mich dem morgigen Tag mit stoischer Gelassenheit entgegenzusehen und bereitete mich sehr ordentlich auf das anstehende Ereignis vor. Als ich abends zuvor zu Bett ging, wusste ich immerhin schon einmal theoretisch wie es funktionierte, hatte die Wirkungsweise und die Kontraindikationen des Wassertretens auswendig gelernt und fühlte mich relativ gewappnet für den nächsten Tag. Schon beim Aufstehen stellte ich fest, dass es leicht schneite. Als ich das Haus verließ wehte mir ein eisiger Ostwind ins Gesicht und ich zog die Kapuze meiner Jacke hastig tiefer in die Stirn. Im Auto angekommen zeigte die Temperaturanzeige -2 Grad an und ich zog automatisch die Schultern etwas weiter zu den Ohren. Noch tröstete ich mich mit dem Gedanken, dass sich die Temperaturen sicherlich bis 10 Uhr auf wundersame Weise deutlich in den + Bereich bewegen würden und startete meinen Arbeitstag gutgelaunt mit einem Sportkurs. Allerdings klagte ich ab halbzehn dem ein oder anderen Kollegen mein bevorstehendes Leid. Mitleidige Blicke und halbherzige Motivations-Wünsche waren die Antwort. Spätestens jetzt hatte ich den Eindruck gewonnen, dass sich auch bei den Anderen die Begeisterung des Wassertretens bei Minusgraden in Grenzen hielt. Mit klopfendem Herzen ergab ich mich kurz vor 10 in mein Schicksal und holte meine Gruppe im Eingangsbereich ab.

Der kurze Check der Namensliste ergab: Alle sind anwesend!

Zu diesem Zeitpunkt versuchte ich die Tatsache, dass ich gleich bis zu den Knien in 1 Grad kaltem Wasser stehen würde, noch mutig wegzulächeln. Mit kompetent wirkender Zuversicht schritt ich mutig voran und versuchte selbst bei dem eisigen Wind, der mir die Schneeflocken in das Gesicht wehte, noch eine gewisse Freude auf das Bevorstehende zu vermitteln. Aber schon als wir über den Strand marschierten, gefror mir mein Lächeln im Gesicht... und das meine ich auch GANZ WÖRTLICH. An der Wasserkante angekommen und nach einer ordentlichen Einführung zogen alle ihre Schuhe und Strümpfe aus und befreiten ihre Beine von störendem Stoff.

Alles in mir schrie „NEIN... ICH WILL DAS NICHT!“, aber es half nichts.

Ein Blick in die Gesichter der anderen verriet mir eine ganz ähnliche Gefühlslage. Die Männer versuchten noch mit ein paar COOLEN Sprüchen über das bevorstehende Desaster hinwegzutäuschen, aber auch diese Stimmen verstummten ganz schnell bei dem ersten Kontakt mit dem kalten Wasser. Geplant war ein Gang, der zwischen 15 Sekunden bis zu einer Minute dauern sollte. Es dauerte genau 5 Sekunden bis ich das Gefühl hatte, dass sich meine Füße von mir verabschiedeten. Schmerzen des Todes überrollten meine Beine, zogen entlang meiner Waden und bohrten sich mit eisigem Kälte-Griff in meine Knie. Mir versagte die Stimme und ich wusste in diesem Augenblick, mit glasklarer Gewissheit:

"Wenn ich jetzt nicht sofort aus den eisigen Fängen der Nordsee entkomme, sind meine Füße Geschichte!"

Die Frage, die sich mir stellte war:

"Schafft ich es überhaupt noch bis zum rettenden Strand?"

Denn ich hatte, außer den quälenden Schmerzen keinen weiteren Anhaltspunkt mehr, welcher mir bestätigte, dass sich am Ende meiner Beine überhaupt noch Füße befanden. Ich muss zu meiner Schande gestehen, dass mir in diesem Moment alles egal war. Ich blendete mein komplettes Umfeld aus. Es gab nur noch mich und den Schmerz. Zu keinem klaren Gedanken mehr fähig, zwang ich mich umzukehren und erreichte mit letzter Kraft den Sandstrand, auf dem ich mich, wie ein Häufchen Elend auf den Boden fallen ließ. Bei der krebsroten Farbe, die meine Füße angenommen hatten, wurde es mir Angst und Bange. Verzweifelt mühte ich mich mit meinen Socken ab, aber ich brauchte fast fünf Minuten bis ich diese über meine gefühllosen Füße, die sich zwischenzeitlich wie zwei schlaffe leblose Fremdkörper anfühlten, übergezogen hatte. Erst dann war ich fähig ein Blick auf die restliche Gruppe zu werfen, denen es allen nicht wirklich besser ergangen war. Den Versuch meine Schuhe wieder anzuziehen gab ich ganz schnell auf, denn mittlerweile versagten mir wegen der Kälte auch meine Finger ihren Dienst und ich konnte meine Schnürsenkel nicht entknoten. Zitternd und frierend, ich hatte die Schuhe fest an meine Brust gedrückt, machten wir uns auf den Rückweg zur Klinik.

„Das ist ja nicht so ganz mein Ding!“, sagte eine Patientin neben mir.

„Meins auch nicht!“, entgegnete ich ihr knapp und wir mussten beide lachen.

Ich weiß... das war keine Glanzleistung von mir und Sebastian Kneipp hätte sich, angesichts dieser katastrophalen Einführung im Grabe umgedreht... und JA vielleicht bin ich auch einfach für derartige Winter-Angebote körperlich und seelisch nicht gemacht.


Herzliche Grüße aus dem hohen Norden... 🤗



 
 
 

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Liebe Leserin, lieber Leser Seit ein paar Tagen habe ich mein Buchprojekt wieder aufgenommen und finde nun leider nicht mehr die Zeit meinen Blog weiterzuführen. Ich bedanke mich herzlich für das groß

 
 
 

4 Kommentare


Gast
31. Jan.

Oh weh ❄️🌨️🥶🥶🥶

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Gast
31. Jan.

Ja, dss Kneipen. Aber den Rest des Tages sind die Füße dann warm.😄

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Gast
31. Jan.

Weicheier…😉…😂😂😂…👍👍

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Jennifer
31. Jan.
Antwort an

Frechheit 😊

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