Ihr Kinderlein kommet...
- Jennifer Willert
- 14. Feb.
- 3 Min. Lesezeit

Der Lärmpegel erinnert an das geschäftige Treiben eines übervollen Etagenbahnhofs in einer Großstadt, mittags um 12 Uhr und am liebsten würde ich mir die Ohren zuhalten, aber das wäre sehr unprofessionell. Mein Blick fällt auf die Uhr an der Wand, es sind gerade mal 5 Minuten vergangen und ich befinde mich schon jetzt gefühlt, im Vorzimmer zur Hölle. Abwechselnd schreie und betätige ich die Handpfeife, aber ohne Erfolg. Genauso gut hätte ich den Raum verlassen können, dass wäre wahrscheinlich auch niemanden aufgefallen.
Liebe Leserin, lieber Leser
Ich befinde mich heute in der kleinen Turnhalle der Klinik. Mit mir vor Ort, die geballte Ladung an Energie von zwanzig, teils ADHS-geplagter, frustrierter und voll pubertierender Jugendlicher und das wiederum kann man nicht nur sehen, bzw. hören. Ein penetranter Schweißgeruch schlägt mir entgegen... ausgelöst durch die Anstrengung der, unter meiner Obhut stehenden, Heranwachsenden, die versuchen ein Spiel zu spielen, welches ich vorher versucht habe zu erklären, dass aber anscheinend NIEMAND so richtig verstanden hat.
Über das WARUM kann ich nur Mutmaßungen anstellen. Vielleicht liegt es an dem unerträglichen Lärmpegel, diesem tosenden Sturm und der Tatsache, dass die Komplimente von meinen Patienten, ich hätte eine sanfte beruhigende Stimme, mich in dieser Kombination nicht wirklich weiterbringen. Und ich gebe es nur ungern zu...
… aber in diesem Moment wünsche ich mir ein Mann zu sein... 2 Meter groß, mit breiten Schultern und einem Bass in der Stimme, der die Wände der Turnhalle zum erzittern bringt.
Dann würde vielleicht meine Anwesenheit zur Kenntnis genommen werden!
Aber momentan gleicht meine Bedeutsamkeit hier der, eines in China umgefallenen Reissackes.
„Verflixt nochmal!“, denke ich verzweifelt. „Das muss doch irgendwie in den Griff zu bekommen sein! Schließlich kann ich auf 17 Jahre Mutterglück zurückblicken!“
„Ja, das mag sein!“, sagt da eine leise Stimme in mir, allerdings kann ich mich nicht daran erinnern, dass mich meine Tochter jemals so an den Rand der Verzweiflung gebracht hat.
Ein weiterer Blick auf die Uhr verrät mir, dass gerade mal 2 weitere Minuten vergangen sind.
Die Bewegungstherapie für Therapiekinder dauert 45 Minuten, abzüglich der 7 Minuten bleiben noch 38 Minuten übrig.
Im Rechnen war ich schon immer gut, um hier auch mal eine meiner Stärken hervorzuheben.
38 Minuten im Überlebensmodus... erste Fluchtgedanken schieben sich in mein Bewusstsein.
Mittlerweile hat sich mein, im Vorfeld gut geplantes Spiel in Wohlgefallen aufgelöst und die Kinder haben sich anderen, für sie interessanteren Aktivitäten zugewandt. Mein Blick streift panisch durch den Raum.
Überall Kinder und Jugendliche außer Rand und Band... sie klettern auf die, an der Wand stehenden Weichbodenmatten, sitzen auf den Fensterbänken, baumeln von der Sprossenwand herab und turnen auf den Pezzibällen herum.
Bevor ich irgendwie reagieren kann, trifft mich ein Ball eher unsanft an meiner Schulter und ich schaue erschrocken auf. „Jetzt reicht's!“, denke ich und betätige die Handpfeife, die allerdings nur ein klägliches Quietschen von sich gibt.
Und dann erinnere ich mich an meine eigene Kindheit, an die Schulzeit und ein Spiel welches wir im Sportunterricht gespielt haben. „Das ist es!“
Ich richte mich mit aller mir noch verbleibenden Würde auf und betätige in wilder Entschlossenheit die Handpfeife, ein durchdringendes und schrilles Pfeifen durchfährt die kleine Turnhalle, wie ein greller Blitz und es wird schlagartig still. 20 Augenpaare schauen mich an und ich bin überwältigt von so viel Aufmerksamkeit.
„Völkerball!“, bringe ich etwas atemlos über meine Lippen und einstimmiges Jubelgeschrei hallt mir entgegen. In Windeseile sind die Vorbereitungen abgeschlossen und zwei Mannschaften gewählt. Die restliche Zeit kann ich erleben, wie sich ein chaotischer Haufen in eine halbwegs strukturierte Gruppe verwandelt hat und ich kann es kaum glauben. Die Spielregel brauche ich nicht erklären, denn die ist längst jedem bekannt.
ICH ATME AUF!!!
Das ich dabei auch weiterhin überhaupt nicht gebraucht werde, ist mir in diesem Augenblick herzlich egal.
Nach dem Kurs spricht mich eine Arbeitskollegin auf dem Gang an: „Und? Wie ist es gelaufen?“
„NUN JA... BEWEGT haben sie sich!“, antworte ich ihr mit einem schiefen Grinsen.



Das Chaos kann man sich richtig vorstellen. Da fühlt man sofort mit. Gut geschrieben.
😃